(Beitrag von der AWO Familienbildung Muldental)

Erziehen wir schlechter, wenn wir unter Stress stehen? Für die Erklärung dieser These muss ich etwas wissenschaftlicher herangehen.
Stress ist eine Reaktion auf Gefahren, die unseren Vorfahren zu Urzeiten ein Überleben ermöglicht hat. Wurde eine Gefahr wahrgenommen, schaltet sich der Verstand aus und die Amygdala, der Teil unseres Gehirns der für Angst und Stress zuständig ist, feuert los. Bei Gefahr hieß es in Urzeiten fliehen oder kämpfen. Die Amygdala bereitet Reaktionen auf eine Wahrnehmung heute immer noch genauso wie damals vor:

  • aktiviert Stress- und Notfallsystem
  • Herzschlag wird beschleunigt
  • Atmung wird schneller und flacher
  • Blutdruck wird erhöht
  • Ausschüttung von Hormonen die uns wach machen, wie Adrenalin und Cortisol
  • Immunsystem und Verdauung werden gedrosselt, damit genug notwendige Energie zur Verfügung steht
  • Zwischenspeichern von Erinnerungen werden zeitweise gestoppt
  • Reduzierung unseres Mitgefühls
  • Produktion von Glückshormonen wird gedrosselt

Die Amygdala ist dabei blitzschnell und arbeitet in Bruchteilen von Sekunden. Erfolgt kein weiterer Stressreiz hört die Amgdala nach nur etwa 10 Sekunden auf zu feuern und nach 10 Minuten ist auch unser Hormonspiegel wieder da, wo er vor dem Sinnesreiz gewesen ist. Körperlich sind wir dann wieder im Normalmodus.

Was hat das jetzt mit unserer Erziehung zu tun? Während dieses Stresssystem ursprünglich mal eine feine Sache war, befinden sich die meisten von uns heute in einer Art Dauerstress. Zeitdruck schon morgens beim Aufstehen, nörgelnde Kinder, nervige Kollegen oder Stress mit den Vorgesetzten, der Rückweg zur Kita dauert zu lange, ich muss noch einkaufen und ein Geburtstagsgeschenk brauche ich auch noch. Kurz gesagt, unser Tag ist einfach zu voll und das Notfallsystem läuft dauerhaft in unserem Körper ab. Abends pocht das Herz wie wild, man fühlt sich ausgelaugt und kann nicht abschalten. Für diesen Dauerstress ist unser Hirn nicht gemacht. Jeder der bis hierhin gelesen hat, wird ahnen, dass das nicht gut gehen kann. Vielleicht kennen wir den einen oder anderen der folgenden Gedanken.

𝓘𝓬𝓱 𝓴𝓪𝓷𝓷 𝓷𝓲𝓬𝓱𝓽 𝓶𝓮𝓱𝓻 𝓴𝓵𝓪𝓻 𝓭𝓮𝓷𝓴𝓮𝓷! Je mehr Dauerstress, desto häufiger bleibt der Verstand ausgeschaltet, Analysieren, Planen denke fällt uns dann immer schwerer.

𝓓𝓲𝓮 𝓚𝓲𝓷𝓭𝓮𝓻 𝓼𝓲𝓷𝓭 𝓾𝓷𝓶ö𝓰𝓵𝓲𝓬𝓱! Das Gehirn bleibt auf Gefahr programmiert und wir nehmen die Situation negativer wahr, als es unsere Umgebung vielleicht tut. Wir übersehen die vielen guten Verhaltensweisen.

𝓦𝓸 𝓼𝓸𝓵𝓵 𝓭𝓪𝓼 𝓱𝓲𝓷𝓯ü𝓱𝓻𝓮𝓷? Überreizung der Amygdala lässt diese bei jedem kleinen Reiz anspringen. Wir bewerten überwiegend mit Wut und Angst. Positives und Gutes können wir uns für die Zukunft nicht vorstellen.

𝓦𝓸 𝓲𝓼𝓽 𝓭𝓮𝓻 𝓿𝓮𝓻𝓯𝓵𝓲𝔁𝓽𝓮 𝓐𝓾𝓽𝓸𝓼𝓬𝓱𝓵ü𝓼𝓼𝓮𝓵? Stress drosselt das Kurzzeitgedächtnis. Uns fallen wichtige Dinge nicht ein oder wir vergessen vieles, das stresst uns zusätzlich.

𝓢𝓽𝓮𝓵𝓵 𝓭𝓲𝓬𝓱 𝓷𝓲𝓬𝓱𝓽 𝓼𝓸 𝓪𝓷! Unter Dauerstress fällt es uns schwerer, empathisch zu sein.

Fakt ist, Dauerstress ist ein Problem. Denn es wird mit der Zeit immer schwerer, runterzufahren und die Stressreaktion abzuschalten. Das kann zu dauerhaften Schäden am Hormonsystem und schließlich zu Burnout und Depressionen führen.
Was hat das mit Erziehung zu tun? Forschungen konnten nachweisen, dass gestresste Eltern deutlich negativeres Erziehungsverhalten zeigen. Sie schreien und schimpfen häufiger, sind ungeduldiger und weniger mitfühlend. Sie stellen Anforderungen, denen Kinder nicht genügen können. All diese Anforderungen stellen wiederum die Kinder unter Stress und diese beginnen oft, sich problematisch zu verhalten oder sie werden ganz still. Damit wird das zum Teufelskreis.
Deshalb ist es wichtig, mit kleinen Veränderungen Wege aus dem Dauerstress zu finden.

  1. Entschleunigt den Alltag durch eine optimalere Organisation mit Strukturen und festen Routinen.
  2. Baut Meditation, Sport, Bewegung im Freien zum Runterfahren in den täglichen Ablauf ein.
  3. Seid nicht zu streng mit euch und der Familie. Ihr müsst nicht perfekt sein und dürft Fehler machen, genau wie eure Kinder.